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Digitalisierung ist die kommunikative Antwort auf die hochmobilen Gesellschaften der Gegenwart

Seit Jahren setzt sich Dr. Christian Stöcker wissenschaftlich mit der Digitalisierung von Kommunikationsprozessen auseinander. Er ist Professor für Digitale Kommunikation an der HAW Hamburg und leitet dort den gleichnamigen Masterstudiengang. Bekannt ist Stöcker als Autor zahlreicher einschlägiger Gastbeiträge bei Spiegel Online. Er arbeitete dort von 2005 bis 2017 im Ressort Netzwelt, das er ab 2011 leitete.

Wir nutzten die Chance zu einem Interview und befragten ihn zu seiner Sicht auf die Digitalisierung von Kommunikation. Dabei erfuhren wir unter anderem einiges über generative Systeme, den Zusammenhang zwischen Mobilität und Digitalisierung und über Stöckers aktuelle Arbeit im HAW-Newsroom, dem ersten hochschuleigenen Newsroom in Deutschland.


Breitbandbüro des Bundes: Welche digitalen Entwicklungen ragen für Sie in der Geschichte der digitalen Welt vom C64 (also von den frühen 80er Jahren) bis zu Twitter und Facebook heraus? Aus welchem Grund sind diese Entwicklungen für Sie besonders bedeutsam?

Prof. Stöcker: Die erste in meinen Augen extrem wichtige Entwicklung ist der Einzug generativer Systeme in unseren Alltag. Bis zu den ersten Heimcomputern hatten Geräte einen festen Zweck, für den sie hergestellt wurden und den sie dann erfüllten, sonst nichts, beispielsweise Fernsehgeräte oder Videorekorder. Heimcomputer waren die ersten Geräte, bei denen beim Kauf nicht feststand, was man eines Tages alles damit würde tun können. Das kann man übrigens schön daran sehen, dass Twitter, ein Dienst, der Anfang der Achtziger noch nicht einmal am Horizont in Sicht war, heute auf einem C64 laufen kann, wenn man den dafür entwickelten Client installiert. Aber nicht nur der Computer, auch das Internet selbst ist ein generatives System, und natürlich auch moderne Smartphones, Tablets, etc. Diese Tatsache hat die zweite Entwicklung ermöglicht, die in meinen Augen zentral ist: Die Entwicklung von Plattformen, auf denen einzelne, wenige Marktteilnehmer die Kreativität und Wertschöpfung anzapfen können, die solchen generativen Systemen innewohnt, von App Stores bis hin zu Sozialen Netzwerken.

BBB: Sie haben eine „Gebrauchsanweisung für die digitale Wunderwelt“ geschrieben. Wenn wir das richtig verstehen, klingt da Ironie aus diesem Titel heraus. Wenn ja: Was meinen Sie konkret?

Prof. Stöcker: Die „Gebrauchsanweisung für die digitale Wunderwelt“ ist ein Buch über die damals populäre 3-D-Welt „Second Life“. Das Buch enthält einerseits tatsächlich konkrete Hilfestellungen für den Umgang mit der und die Bewegung in dieser Welt. Andererseits geht es um allgemeine Phänomene, die auf solchen Plattformen entstehen können, vom Handel mit virtuellen Gütern über neue Formen von Kommunikation und Spiel bis hin zu interaktiven Kunstprojekten.

BBB: An welchen Stellen begeistert Sie Digitalisierung in der Kommunikation zwischen Menschen?

Prof. Stöcker: Die Digitalisierung macht es uns Menschen leichter als je zuvor, uns in kürzester Zeit in großen, zum Teil über den ganzen Globus verteilten Gruppen zu organisieren, sei es, um Fluggastrechte einzufordern oder um gemeinsam eine gewaltige, kostenlose Online-Enzyklopädie zu erstellen. Der Fluss von Meinungen und Informationen hat in atemberaubender Weise zugenommen. Das hat aber gleichzeitig auch zur Folge, dass Propaganda, Desinformation und Hass sich leichter verbreiten lassen.
Im Privaten ist die Digitalisierung die kommunikative Antwort auf die hochmobilen Gesellschaften der Gegenwart: Weit verzweigte Netzwerke von Freunden oder Verwandten können sehr viel einfacher miteinander in Kontakt bleiben, und zwar multimedial. Großeltern können sich problemlos mit ihren Enkelkindern von Angesicht zu Angesicht unterhalten, auch wenn sie viele Fahrtstunden entfernt leben, alte Freunde aus den Augen zu verlieren ist viel schwieriger geworden. Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser gewaltigen Veränderungen sind noch längst nicht vollständig sichtbar.

BBB: Was vermitteln Sie Studierenden beim Thema „Digitale Kommunikation“?

Prof. Stöcker: Die Digitalisierung ist eine weiterhin exponentielle Entwicklung. Wer davon ausgeht, dass er die Zukunft vorhersagen oder gar verstehen kann, weil er sich mit der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit beschäftigt hat, wird mir großer Wahrscheinlichkeit falsch liegen. Es muss also darum gehen, Grundprinzipien, -mechanismen, -kompetenzen und -konzepte zu erwerben und zu durchdringen, die auch in einer sich ständig verändernden Umwelt ihre Gültigkeit behalten.

BBB: Wenn Sie dabei auf ihre didaktische Umsetzung schauen: Nach welchen Maßstäben entscheiden Sie, welche Methoden Sie zur Vermittlung Ihrer Inhalte einsetzen?

Prof. Stöcker: Die Lehre im HAW-Newsroom, wo im Rahmen des Master-Studienganges „Digitale Kommunikation“ das digitale Lokalmagazin FINK.HAMBURG entsteht, ist immer parallel auf aktuelle berufspraktische Fragen – z. B. „Welche Social-Media-Plattformen brauchen wir, um unser Publikum zu erreichen und wie gehen wir mit ihnen um?“ – und auf die eben angesprochenen Grundprinzipien, -mechanismen, -kompetenzen und -konzepte fokussiert.
Es geht also einerseits darum, die Digitalisierung von Kommunikation und Medien als fortlaufenden Prozess zu begreifen und andererseits um den Erwerb von Fertigkeiten und Kenntnissen, die in kommunikativen Kontexten von dauerhafter Bedeutung sind – von Textarbeit bis hin zur verständlichen Darstellung komplexer Inhalte in grafischer Form, von Suchmaschinenoptimierung bis Audience Development. All das geschieht in ständiger Abstimmung mit Partnern aus Medien, Wirtschaft und Gesellschaft, um die dauerhafte Aktualität der Lerninhalte zu gewährleisten – und mit dem ständigen Input der Studierenden selbst, deren Blick auf unsere Medienwelt oft ein anderer, sehr wertvoller ist.

BBB: Herr Dr. Stöcker, vielen Dank für das Interview.


Foto: Prof. Dr. Christian Stöcker.
Fotocredit: Maxim Sergienko.

Weitere Impressionen unserer Informationskampagne finden Sie in unserer Mediathek.



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