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„Wir bewegen uns permanent entlang der Grenzen der Digitalisierung“

Digitalisierung kann helfen Kultur verständlich zu machen und neu zu denken, indem sie veränderte Perspektiven anbietet, die den Blick weiten. Ein entscheidender Punkt dabei ist die Archivierung von Kulturgütern. Nicht alle menschlichen Erzeugnisse sind so einfach archivierbar wie Bücher. Das Projekt „UnBoxing – (Fan)Zines als Artefakte jugendkultureller Praxen“ beschäftigt sich intensiv mit der Archivierung ganz besonderer Kulturgüter. Gefördert wird es vom BMBF in der Förderrichtlinie eHeritage. Im Fokus stehen sogenannte Zines oder Fanzines. Das Archiv der Jugendkulturen e. V., wo das Projekt angesiedelt ist, besitzt mit mehr als 20.000 Exemplaren deutschlandweit die umfangreichste Sammlung dieser Medien. Wir sprachen mit Projektleiterin Anja Thieme über dieses ganz besondere Digitalisierungsprojekt.


Breitbandbüro des Bundes: Erklären Sie unseren Lesern doch zum Einstieg, was Fanzines sind, beziehungsweise, was Sie darunter verstehen.

Anja Thieme: Der Begriff Fanzine ist das Ergebnis einer Verschmelzung aus den Worten Fan und Magazin. Bis heute werden viele Fanzines im Do-It-Yourself-Verfahren mit Schere, Kleber und Stiften produziert und die meisten erscheinen als geheftete Papiermedien. Wenn sie besonders aufwendig hergestellt wurden, handelt es sich sogar um Unikate. Fanzines werden nicht selten nur in kleiner Auflage verbreitet.
Fanzines sind Medien, häufig von jungen Leuten gemacht, die ihre Meinungen und Befindlichkeiten nicht oder unzureichend in den Massenmedien finden und die ihre Anliegen und Ideen selbstbestimmt veröffentlichen und in Umlauf bringen. Sie dienen aber auch dem Austausch mit Gleichgesinnten oder sollen schlichtweg Spaß machen. Ursprünglich wurden Fanzines von Fans für Fans gemacht – inzwischen sind die Herausgeber_innen aber nicht mehr nur Fans, weshalb wir lieber den allgemeineren Begriff Zine anstatt Fanzine verwenden.

BBB: Wie sehen diese Zines aus und welchen Inhalt haben sie?

AT: Zines zu beschreiben ist gar nicht so einfach. In den 1930er Jahren tauchten sie unter Science Fiction-Fans in den USA auf. Von dort aus haben sie sich bis heute in die verschiedensten Szenen auf der gesamten Welt verbreitet und dabei immer wieder gewandelt. Zines sind sperrig, sie widersetzen sich Konventionen oder sprengen sie. Sie sind manifestierte Freiheit des Selbermachens und Selbstentscheidens.

Schon im Aussehen sind sie unglaublich unterschiedlich. Sie können hand- oder maschinengeschrieben sein, kunstvoll gestaltet, Texte und Bilder wild durcheinander, sie können gerollt, gefaltet, von vorn und hinten auf die Heftmitte hin zu lesen sein oder man muss sie bei der Lektüre drehen. Zuweilen ist die Schrift winzig oder unleserlich. Ein Zine in unseren Beständen ist mit schwarzer Farbe auf schwarzes Tonpapier gedruckt – und dadurch nur mühevoll lesbar. Ferner sind Beilagen keine Seltenheit, wie Sticker, Teebeutel, Murmeln, Haare, Flugzeuge oder Briefe.

Inhaltlich ist die Bandbreite mindestens ebenso groß: Zu jedem erdenklichen sozialen, politischen, persönlichen oder kulturellen Thema lässt sich ein Zine finden. In unserer Sammlung haben wir z. B. Zines über Punk, HipHop, Fußball, Feminismus, Musik, intime Themen, mit denen sich Jugendliche auseinandersetzen, wie die erste Liebe, Sexualität, der eigene Körper, Probleme mit den Eltern oder die Verarbeitung von Gewalterfahrungen. Daneben gibt es aber auch Zines über banal erscheinende Dinge wie Schokolade, Fernsehserien oder Mode.

BBB: Sie haben sich in ihrem Projekt der Digitalisierung dieser besonderen Medien verschrieben. Gibt es denn bereits digitale Zines?

AT: Das Gros der Zines ist ursprünglich in Heftform erschienen und darum stellt das Scannen keine große Schwierigkeit dar. Von vielen gedruckten oder kopierten Zines gibt es daher sogenannte Digitalisate im Netz – vom digitalisierten Cover bis hin zu komplett eingescannten Exemplaren.

Es gibt jedoch Formate, die bisher noch keine Berücksichtigung in Digitalisierungsprojekten gefunden haben. Dort betreten wir mit unserem Vorhaben Neuland. Neben der technischen Schwierigkeit, Haptik und Anmutung besonderer Formate digital abzubilden, stoßen wir hier auch auf juristische Herausforderungen. Diese ergeben sich aus dem besonderen urheberrechtlichen Status der Zines, die oft im geschützten Raum der Anonymität entstehen. Herauszufinden, wer die Macher_innen sind, sie ausfindig zu machen und um Erlaubnis für die Veröffentlichung zu fragen, stellt darum eine enorm aufwendige, gleichwohl unabdingbare Voraussetzung für die Digitalisierung dar.

Es gibt natürlich inzwischen auch einige rein digitale Zines, die als Blog publiziert oder am Computer zusammengestellt und nur online veröffentlicht werden. Diese stehen allerdings nicht im Fokus unseres Projektes.

BBB: Wie verändert die digitale Transformation Zines?

AT: Sie stellen da eine elementare Frage. Uns geht es um die Beschaffenheiten und Besonderheiten von Zines, die man in die Hand nehmen, ansehen und lesen kann. Manche muss man dazu auseinanderfalten, ausrollen, drehen, kann sie fühlen, riechen – ein Erlebnis, das digital kaum übersetzt werden kann.

Digitalisierte Objekte werden oft völlig anders benutzt als analoge. Zum Beispiel kann ich ein gerolltes Papierzine, das ich in der Hand zum Lesen abrolle, am Computer vielleicht nur per Tastendruck oder Mausklick weiterrücken lassen – ein gänzlich anderes Handling. In unserem Projekt bewegen wir uns daher auf der Suche nach Lösungen permanent entlang der Grenzen der Digitalisierung. Das digitalisierte Zine wird immer ein anderes als das ursprüngliche Zine sein. Das ist ein wichtiger Gesichtspunkt.

Doch gerade vor diesem Hintergrund ist es spannend, Zines zu digitalisieren. Sie können dadurch anders aufgeschlossen werden, beispielsweise durch Metadaten, und das Durchsuchbarmachen von Texten. Es gibt sogar Zines, die erst durch Digitalisierung überhaupt (gut) lesbar werden.

Und letztlich dient gerade die Digitalisierung besonderer Formate, aber auch der kostbaren alten und stark nachfragten Zines, vor allem dem konservatorischen Bestandsschutz.

BBB: Wofür steht das Projekt „UnBoxing“? Welche Ziele hat es?

AT: Wir erarbeiten ein Konzept zur Digitalisierung von Zines, also von Medien ohne feste Ordnung und Form. Ausnahmen bilden hier die Regeln. Übliche Digitalisierungsroutinen würden hier ins Leere laufen. Neben der Digitalisierung ist für uns auch die Präsentation der Daten eine Nuss, die wir knacken wollen. Die Digitalisierung eines über sieben Meter langen aufgerollten Papierstreifens ist technisch wenig problematisch – wie kann das Digitalisat aber am Bildschirm genutzt werden? Ebenso kann man eine Seite einscannen, auf der der Text im Kreis verläuft – eine statische Bildschirmansicht würde das Lesen jedoch enorm erschweren.

Interessant ist im Zuge der Zine-Digitalisierung für uns, auch Praktiken rund ums Zinemachen sichtbar zu machen: in der Herstellung, Veröffentlichung, im Vertrieb und der Rezeption. Zudem spielen Kontexte eine wichtige Rolle, in denen Zines entstehen, wie zeitliche, örtliche, räumliche und persönliche Gegebenheiten.

Etliches, aber nicht alles, lässt sich an den einzelnen Zines ablesen aber viele ergründet man oft nur mit Hintergrundwissen. Wir wollen Lösungen entwickeln, wie Zines auch von denen, die sich nicht mit diesen Medien auskennen, verstanden werden können.

Zines als jugend- und subkulturelle Medien und Quellen sind ein spannender Forschungsgegenstand. Die Zinesammlung des Archivs der Jugendkulturen e. V. wird gern von Forscherinnen und Forschern aus dem In- und Ausland genutzt. Sie wollen ortsunabhängig mit unseren Zines arbeiten. Das Archiv ist darüber hinaus an einer virtuellen Vernetzung mit anderen Zinearchiven und -bibliotheken weltweit interessiert und die Ergebnisse von UnBoxing bilden eine erste Grundlage zur Vernetzung von Beständen.

Das Konzept, das wir bei UnBoxing entwickeln, soll der Vielfalt und den Schwierigkeiten, mit denen bei Zines zu rechnen ist, gerecht werden. In der Pilotphase starten wir mit 35 Zines und wollen die erarbeiteten Prinzipien auf den gesamten Bestand übertragbar machen, quasi einen Leitfaden und wissenschaftlichen Standard für die Digitalisierung von Zines entwickeln.

BBB: Warum ist ein Konzept für die Digitalisierung von Zines notwendig?

AT: Kulturgüter zu digitalisieren, ist anspruchsvoll. Digitalisierung bedeutet dabei nicht nur, etwas auf den Scanner zu legen. Im Zusammenhang mit der Digitalisierung von Zines müssen wir viele Aspekte berücksichtigen. Die große Vielfalt fordert verschiedene Herangehensweisen in der Imagedigitalisierung, in der inhaltlichen Aufbereitung, der Erstellung der Metadaten und der Rechteklärung – dies reicht für uns als Einrichtung, die sich Zinemacher_innen verbunden fühlt, bis in ethische Fragen hinein. Wir brauchen hierfür ein flexibles Konzept – für die Digitalisierung von Zines gibt es keine Lösung von der Stange.

BBB: Welche digitalen Möglichkeiten werden Ihnen bei Ihrem Vorhaben helfen?

AT: Das Konzept sieht vor, die ersten digitalen Dateien von einem externen spezialisierten Dienstleister erzeugen zu lassen: Bilddateien, PDFs und wenn die Vorlage es erlaubt, sollen auch Texte automatisiert ausgelesen werden. Zines sind allerdings keine mustergültigen Druckerzeugnisse und die automatische Texterkennung wird oft nicht möglich sein, so dass wir in einem weiteren Schritt die digitalen Texte per Hand weiterbearbeiten werden und auch gelegentlich normierend eingreifen müssen.

Die Digitalisate werden ergänzt um Erschließungsdaten, Kontextinformationen, Kontextdokumente. Dabei lehnen wir uns an bestehende Standards an, sowohl bestehende Digitalisierungsstandards wie hauseigene Erfassungsrichtlinien, die wir für die Digitalisierung von Zines erweitern und anpassen. Dafür haben wir professionelle Mitarbeiter_innen mit Digitalisierungskompetentenzen im Archiv. Für die Präsentation der Digitalisate und Daten haben wir vor, mit Webentwickler_innen an einer Onlinepräsentation zu arbeiten, die die Komplexität von Zines deutlich macht, dabei aber übersichtlich bleibt und zum Lesen und Entdecken einlädt. Unsere Digitalisate wollen wir auch weiteren Katalogen wie der Deutschen Digitalen Bibliothek zur Verfügung stellen.

BBB: Bitte vervollständigen Sie den Satz: „Digitalisierung heißt für mich…“.

AT: … in Bezug auf UnBoxing: die Fortführung der Archivierung und die Vermittlung von Kulturgütern in einer anderen Dimension. Ein wesentlicher Bestandteil dabei ist Transparenz.


Foto oben: Fanzines/Zines.
Fotocredit: Archiv der Jugendkulturen e. V.
Foto unten: ein ausgerolltes Zine im Archiv der Jugendkulturen in Berlin.
Fotocredit: Anja Thieme.

Weitere Impressionen unserer Informationskampagne finden Sie in unserer Mediathek.



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