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Dr. Michael Blume: „Die sozialen Medien stecken in einer spannenden Wechselwirkung aus menschlicher Natur und Kultur“

Der Vorabend der Messe „FIBIT´17“, die am 12. Mai in Fulda zahlreiche Akteure der Region zusammenführt, steht ganz im Licht der Keynote mit Dr. Michael Blume. Der Religionswissenschaftler (Jahrgang 1976) promovierte 2006 über Religion und Hirnforschung (die so genannte “Neurotheologie”). Der Referatsleiter im Staatsministerium Baden-Württemberg ist scilogs-Blogger bei Spektrum der Wissenschaft und veröffentlichte Sachbücher im Print und als eBooks. Zudem lehrt er an Hochschulen, zuletzt 2017 Berufs- und Medienethik am KIT Karlsruhe. Seine Forschungsschwerpunkte sind neben Religionen, Religionspsychologie, Hirn- und Evolutionsforschung auch Medien- und Netzkultur.

Das Breitbandbüro des Bundes hatte im Vorfeld die Gelegenheit zu einem Interview mit Dr. Michael Blume.

Breitbandbüro des Bundes: Welche Bedeutung innerhalb der Reihe anderer Erfindungen wie Ackerbau, Rad, Feuer, Schrift, Metallverarbeitung, Brot, Uhr, Buchdruck, Papier, Elektrizität, moderne Medizin messen Sie den sozialen Medien bei?
Dr. Michael Blume: Die sozialen Medien setzen nach meiner Einschätzung schon vor allen diesen Erfindungen beim Urmedium des Menschen an: Der Sprache. Durch Sprache konnten unsere Vorfahren nicht nur besser denn je Informationen austauschen, sondern vor allem auch ihre Gruppengrößen und sozialen Netzwerke erweitern. Gleichzeitig wurde es damit für unsere Überlebens- und Fortpflanzungschancen immer wichtiger, ob andere uns positiv wahrnehmen, was sie über uns sagen, unser „Ruf“, fachdeutsch: unsere Reputation. Wir haben uns durch Sprache „selbst domestiziert“, uns in Aussehen und Verhalten und sogar Fühlen und Denken an Gruppenerwartungen angepasst – und tun es heute durch soziale Medien noch stärker. Wir genießen die Möglichkeiten zum Austausch mit Gleichgesinnten, hungern nach Aufmerksamkeit und „Likes“ und wundern uns selbst über das enorme Suchtpotential. In unseren Filterblasen beginnen wir auch neue Mythen, Symbole und Rituale zu entwickeln und uns in ihnen zu spiegeln.

Breitbandbüro des Bundes: Das Internet und in den letzten zehn Jahren die sozialen Medien haben den Arbeits- und Geschäftskosmos mit dessen Modellen deutlich verändert. In welcher Form haben die sozialen Medien den Menschen in seinem Selbstverständnis, in seiner Wahrnehmung und seinem Verhalten geprägt?
Dr. Michael Blume: Wir stehen erst am Beginn einer Umwälzung, die erst um 1989 mit der Erfindung des World Wide Web begonnen und inzwischen fast die gesamte Menschheit erreicht hat. Drastisch habe ich das in der Leitung eines humanitären Projektes im Irak erlebt: Die immer wieder verfolgten Yeziden lebten über Jahrtausende abgeschottet in einer schriftlosen Kultur, bis 1950 durfte nur eine kleine Unterkaste überhaupt Lesen und Schreiben lernen. Bis heute gibt es kaum yezidisch-analoge Medien wie Zeitungen, Radio- oder Fernsehsender, dafür aber inzwischen Facebook, YouTube und WhatsApp. Auch Yezidinnen und Yeziden nutzen täglich stundenlang digitale Medien – und jene vielen, die noch nicht lesen und schreiben können, versenden dennoch Videos, Bilder und Sprachnachrichten auch über Kontinente hinweg. Eine junge Yezidin wie Nadia Murad wird digital plötzlich zur UN-Sonderbotschafterin, zum Symbol und zur Sprecherin ihres Volkes!
Auch die Terrormiliz des so genannten „Islamische Staates“ ist ein Kind der digitalen Zeit! Noch Anfang des 20. Jahrhunderts lehnten islamische Salafisten jedes Anfertigen von Bildern wie das Fotografieren strikt als „haram“ – also islamisch verboten – ab und die Einführung des Fernsehens in Saudi-Arabien führte noch 1965 zu Aufständen, Straßenschlachten, Hinrichtungen und Attentaten. Heute dagegen bekommen gerade auch islamistische Machos gar nicht genug davon, sich in Videos, Selfies und professionell gemachten Online-Magazinen selbst in Szene zu setzen. Nur noch das Bilderverbot für Frauen halten sie aufrecht, klar. Wie tiefgreifend die sozialen Medien uns als Menschen am Ende verändern, werden wir wohl erst in einigen Jahrzehnten wirklich erfassen können – wir alle stecken derzeit mittendrinnen in der medialen Revolution, ob wir „Bibis Beauty Palace“, Pierre Vogel oder Oliver Welke von der „heute-show“ anhimmeln.

Breitbandbüro des Bundes: In welche Richtung werden sich Ihres Erachtens nach die sozialen Medien selbst entwickeln?
Dr. Blume: Die sozialen Medien stecken in einer spannenden Wechselwirkung aus menschlicher Natur und Kultur. So ist Facebook weiterhin sehr stark darin, die emotionalen Sehnsüchte nach Vernetzung und Aufmerksamkeit in meiner Generation anzusprechen – schon in der Generation meiner Kinder gilt Facebook aber kulturell als uncoole Zeitverschwendung. Neben nach Bedarf gezimmerten WhatsApp-Gruppen und schnellen Snapchat-Kicks entstehen aber auch digitale Projekte wie beispielsweise Lesekreise auf Wattpad, in denen die alten Grenzen zwischen Autorinnen und Leserinnen – und ich sage das bewusst in weiblicher Form – verschwimmen. Mittelfristig werden wir wohl das Gleiche erleben wie beim Fernsehen auch: Eine reflektierte und ergebnisorientierte Nutzung sozialer Medien in den gebildeteren Schichten und eine knallig-emotionalisierte Populärkultur für den Massengeschmack. Ob Sie an Tesla, Yoda, Jesus Christus oder Verschwörungsmythen glauben – Sie werden sich in Gruppen von Gleichgesinnten als digital geborgen und wertgeschätzt erfahren und über das Unwissen der Anderen seufzend den Kopf schütteln … .

Breitbandbüro des Bundes: Damit verbunden die Frage: In welche Richtung wird sich der Mensch mit den sozialen Medien entwickeln? Wird er noch stärker durch ökonomische Kräfte geprägt sein?
Dr. Blume: Zunächst einmal wirken über die sozialen Medien unsere emotionalen Urinstinkte wie die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, aber auch die Reize des Kindchenschemas etwa bei Katzenbildern bis hin zu Ästhetik, Erotik, Empörung und Wut. Leider führt die Tendenz, sich selbst jeweils im besten Licht zu präsentieren, dabei zu einer wachsenden Verzweiflung derjenigen, die sich wirklich schlecht und ausgeschlossen fühlen. Hinzu kommen wachsende Reizbarkeit durch die ständige Medienüberflutung, durch nie endende, halböffentliche Debatten, Fake-News-Manipulationen und nicht zuletzt durch Schlafmangel. Das Smartphone fesselt leider auch Menschen, die ein Buch bei Müdigkeit schnell weglegen würden. Die Evolution hat uns eben nicht als rationalen Homo oeconomicus angelegt, sondern als sozial-emotionalen Homo sapiens: Wir wollen immer wissen, was los ist und wie es um unsere Reputation steht. Unsere Wildbeuter-Vorfahren konnten ja auch gar keine Güter anhäufen, sondern durch das Teilen Gefälligkeiten anhäufen, die sie dann in der Not wieder einlösten. Die sozialen Medien führen uns also am ehesten in die Gefühlswelt der Steinzeit-Ökonomie zurück. Deshalb posten Leute ja auch so erstaunlich oft ihr Essen … .

Breitbandbüro des Bundes: Sie beschäftigen sich intensiv mit Religionen, Psychologie, Hirn- und Evolutionsforschung sowie Medien. Auf welche noch ungeklärte Frage im Bereich „Digitalisierung / Internet / soziale Medien“ möchten Sie in den kommenden Jahren unbedingt eine Antwort finden?
Dr. Blume: Mit der Erfindung des Buchdrucks ab 1450 hatten wir schon mal einen kleinen Präzedenzfall zu dem, was heute passiert. Und auch da erschienen erst einmal viel Schund und Verschwörungslauben wie beispielsweise der „Hexenhammer“ von 1486. Da war Martin Luther gerade einmal drei Jahre alt! Europa und die Amerikas haben es dann geschafft, in einem jahrhundertelangen Bildungsprozess das Kluge langsam vom Dummen zum unterscheiden und schließlich auch inmitten der Religionen Aufklärung, Wissenschaft und Technologien auf den Weg zu bringen. Mich interessiert, ob wir dafür wiederum Jahrhunderte brauchen oder schon jetzt beginnen, eine positive Digitalkultur zu entwickeln. Und ich bin da gar nicht so pessimistisch: Internet-Verschwörungsmythen wie Chemtrails, reptiloide Außerirdische und der Hass auf starke Frauen – also die digitalen Wiedergänger von Omen-, Dämonen- und Hexenglauben – werden von aktiven Geisterjäger-Szenen im Netz auch wieder zerlegt und auch die Manipulationen àa la Putin funktionieren schon jetzt bei immer mehr Menschen nicht mehr. Besonders faszinierend finde ich entstehenden Gegenstrategien gegen die Reizüberflutung wie Internetfasten, die Neubesinnung auf religiöse Zeiten, das neue Interesse an Achtsamkeit, Meditationsübungen, Landleben, Rollen- und Brettspielen, letztere Englisch übrigens: German Games. Diese Bereiche von Lebenskultur will ich in den kommenden Jahren besonders beobachten.

Breitbandbüro des Bundes: Was begeistert Sie persönlich an den sozialen Medien?
Dr. Blume: Tja, um noch einmal auf den Buchdruck zu verweisen: Sultan Bayazid II. entschied 1485 im frisch eroberten Istanbul, den Druck arabischer und damit auch osmanischer und persischer Lettern bei Todesstrafe zu verbieten. Das hielt das Reich stabil, während Europa durch die Reformation ging, war aber mittelfristig trotzdem eine ganz schlechte Idee. Zwei Jahrhunderte später war die auch zuvor beeindruckende, geistige Blüte der islamischen Zivilisation vorbei und bis heute hat sie sich davon nicht erholt. Sich den digitalen Medien zu verweigern wäre ähnlich sinnvoll wie als Urmensch bei diesem neumodischen „Sprechen“ nicht mitzumachen. Kann man so machen, führt halt in die Sackgasse. Ich bin ein wesentlich optimistischer und, ja, auch christlich-vertrauender Mensch und davon überzeugt, dass wir Menschen auch weiterhin Fehler machen, aber die Herausforderungen dennoch meistern werden. Also empfehle ich, das „Abenteuer Digitalisierung“ mit Neugier, Leidenschaft und auch Klugheit anzunehmen, statt schmollend in der Ecke zu meckern.

Breitbandbüro des Bundes: Hand auf´s Herz und mit einem Augenzwinkern gefragt: Wie lange halten Sie es ohne Smartphone und Laptop aus?
Dr. Blume: Oh, ich bin praktisch stündlich „online“ und wende inzwischen ebenfalls gezielt Gegenstrategien wie das Internet- und Facebookfasten an, um mich selbst und vor allem meine Liebsten nicht digital zu verlieren. Nach einer intensiven und auch dankenswert erfolgreichen eBook-Reihe, den sciebooks, habe ich nun auch wieder einen klassischen Buchvertrag bei Patmos unterschrieben und werde Anfang September ein Buch zur Krise des Islams vorstellen – auf echtem Papier! Das Beste aus dem echten Leben und den digitalen Medien zu verknüpfen macht mir täglich große Freude. Und als Wissenschaftler habe ich zusätzlich auch noch den Bonus, das Ganze immer wieder als „teilnehmende Beobachtung“ auswerten zu dürfen. In diesem so faszinierenden Jahrhundert fühle ich mich also sehr wohl!


Foto und Fotocredit: Dr. Michael Blume, privat.

Weitere Impressionen unserer Informationskampagne finden Sie in unserer Mediathek.

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