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Gerald Swarat (Fraunhofer IESE): „Software im Verborgenen wird das zentrale Nervensystem eines intelligenten Kollektivs bilden“

Gerald Swarat ist studierter Historiker und Germanist. Er baut seit Dezember 2016 das Berliner Kontakt-Büro des Fraunhofer IESE (Kaiserslautern) auf. Seit 2015 koordiniert er zudem aus Berlin die Themen rund um die Forschungsinitiative „Smart Rural Areas“, innerhalb dessen die „Digitalen Dörfer“ ein Highlight-Projekt mit dem Land Rheinland-Pfalz sind. Er hat zuvor diverse Projekte aus dem Bereich der Digitalisierung geleitet, u. a. die Initiative „Digitale Region“ des Internet & Gesellschaft Collaboratory e. V.

Im Interview mit dem Breitbandbüro des Bundes äußert sich Gerald Swarat zur digitalen Zukunft in ländlichen Räumen.

Breitbandbüro des Bundes: Was verstehen Sie unter „Digitalisierung“?
Gerald Swarat: Der Begriff der Digitalisierung besitzt in unserem Sprachgebrauch meist die Bedeutung der digitalen Transformation oder des digitalen Wandels, der alle Lebensbereiche und unsere Umwelt erfasst. Das beinhaltet die Facetten, wie die digitale Umwandlung von physischen Dingen oder z. B. Ereignissen oder die Veränderung von Prozessen, Kommunikation und Information durch digitale Techniken und Geräte. Digitalisierung ist aber auch die intelligente Vernetzung von Diensten und Dingen und das im Hintergrund. Wir nennen das „Smart Ecosystems“. Während Smartphones und das Internet nur die Spitze des Eisbergs einer digitalen Gesellschaft und Wirtschaft darstellen, wird Software im Verborgenen das zentrale Nervensystem bilden, das alle Systeme branchen- und technologieübergreifend von den Sensoren und Aktuatoren bis zur Cloud in ein intelligentes Kollektiv verbinden wird. Smart Ecosystems stellen die notwendige nächste Evolutionsstufe von IT-Systemen dar, die eine Brücke zwischen den Systemklassen schlagen.

Kombinierte Anwendungsbereiche der IT-Systeme im Fokus

Denn es besteht dringender Handlungsbedarf bei der Kombination von Anwendungsbereichen, etwa in den bereichsübergreifenden Wertschöpfungsnetzen der Industrie 4.0, im Zusammenspiel unterschiedlicher Wirtschaftsbereiche (Logistik, Handel, Energieversorgung) oder in der übergreifenden Nutzung von Daten und Diensten im Alltag (Smart Home, eCommerce, eHealth). Interessant ist dann aber auch, was Digitalisierung mit dem Raum zu tun hat, wie wir ihn momentan definieren. Wenn wir die Smart City Diskussion um Smart Regions oder digitale Regionen erweitern wollen, stellt sich schon die Frage, was überhaupt eine Region in diesem Zusammenhang ist. Mehr dazu ist im Blog „Auf dem steinigen Weg zur Digitalen Region“ zu finden.

Breitbandbüro des Bundes: Warum ist Digitalisierung im ländlichen Raum bzw. für kleine und mittelständische Unternehmen von großer Bedeutung?
Swarat: Es wird immer davon gesprochen, dass Deutschland seine Stärke aus der regionalen Vielfalt und der über das Land verteilten KMU und Hidden Champions zieht, die natürlich zum Großteil außerhalb der Top 5 der Großstädte liegen. Es gibt also zahlreiche hochspezialisierte Unternehmen, die mit ihrer Heimat fest verwurzelt sind und deren Mitarbeiter sich mit „ihrer“ Firma gerade deshalb ausgesprochen stark identifizieren. Wenn es uns gelingt, diese Unternehmen mit dem notwendigen digitalen Rüstzeug auszustatten und für ausreichend qualifizierten Nachwuchs vor zu sorgen, können wir ihnen ermöglichen, weiterhin an ihren Unternehmenssitzen zu produzieren und gleichzeitig die Absatzmärkte für ihre Produkte zu vergrößern, stärken wir die regionale Vielfalt in Deutschland.

Leistungsfähiges Internet als Muss für eine gelungene digitale Transformation

Die Politik muss dafür sorgen, dass die erforderliche Infrastruktur dafür bereitgestellt wird. Denn eine leistungsfähige Internetverbindung ist die Grundlage für das Gelingen der digitalen Transformation. Auf Konferenzen dürfte nicht mehr über ein Mindestmaß an Bandbreite diskutiert werden, hier muss es vielmehr um Anwendungen gehen, die über die Banalität von Videokonferenzen hinausgehen. Denn für die in den nächsten Jahren auf den Arbeitsmarkt drängende Generation ist die volle Nutzung der modernen Technik in der Arbeitswelt eine Selbstverständlichkeit. Es geht also darum, die Potenziale der Digitalisierung für den ländlichen Raum im Ganzen zu entdecken, die unabdingbare Einflüsse auf die Lebensqualität der Einwohner haben.

Digitalisierung, die auch in ländlichen Räumen die Zivilgesellschaft stärkt

Digitale Strategien erhöhen nicht nur den Standortfaktor für die Wirtschaft, sie treiben auch die Verwaltungsmodernisierung in Richtung einer Problemlösungskompetenz und stärken die Zivilgesellschaft, indem sie z. B. politische Partizipation ermöglichen. Denn die Bürger von heute fordern Digitalisierung ein – und das nicht nur von privaten Unternehmen, sondern auch von ihrem Lebensraum, ihrer Stadt, in der sie sich bewegen, kommunizieren, leben und arbeiten.

Breitbandbüro des Bundes: Unter dem Begriff „Digitale Dörfer“ kann man sich sehr viel vorstellen. Was genau schwebt Ihnen vor?
Swarat: Vor dem Hintergrund des demografischen und soziokulturellen Wandels kommt es vor allem in peripheren Regionen zu Rückgang und Alterung der Bevölkerung. So ist z. B. die Sicherung der Daseinsvorsorge zum Erhalt gleichwertiger Lebens- und Arbeitsbedingungen und damit für eine hohe attraktive Lebensqualität in Städten und Regionen unerlässlich. Deshalb gilt es gerade in den ländlichen Räumen, vorhandene Potentiale zu nutzen, neue zu erschließen sowie kreative Lösungen zu entwickeln. Hier bietet die digitale Unterstützung von Dienstleistungen die Möglichkeit, Angebote der Daseinsvorsorge mithilfe digitaler Lösungen zu stärken. Denn gerade auf dem Land werden sich wirtschaftlich tragfähige Lösungen nur durch die effiziente, gemeinsame Nutzung von Ressourcen über die Grenzen etablierter Silos hinweg erreichen lassen. Wenn Pakete beispielsweise nicht mehr nur über den Paketdienst transportiert werden, sondern eine Mitfahrgelegenheit im Personennahverkehr und sogar in privaten Fahrzeugen erhalten.

Digitale Unterstützung für die Sicherung der Lebens-, Standort- und Aufenthaltsqualität

Mit dem Projekt Digitale Dörfer, das vom Anfang bis zum Ende partizipativ gedacht und durchgeführt wurde, wurde bewiesen, dass es sich lohnt und für den Projekterfolg integraler Bestandteil ist, die Menschen anzuhören, einzubinden und mitzunehmen. Die Einwohner einer Werkstatt-Kommune müssen das Gefühl haben, zu dem sich erneuernden Gemeinwesen dazuzugehören und gebraucht zu werden. Deshalb das Credo des Projektes: aus dem Land, für das Land. Das beinhaltet auch den Grundsatz: Informationstechnik sollte dort eingesetzt werden, wo die Lebens-, Standort- und Aufenthaltsqualität in den realen Gegebenheiten vor Ort verbessert werden kann. Der Fokus liegt auf den Menschen, nicht auf dem technisch Machbaren.

Breitbandbüro des Bundes: Worin sehen Sie die größten gesellschaftspolitischen Herausforderungen, die durch die Digitalisierung hervorgerufen werden?
Swarat: Die Gestaltung des digitalen Wandels vor Ort erfordert eine enge Vernetzung zwischen Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – horizontal in den Regionen, vertikal zwischen Kommunen, Land und Bund. Jede Region besitzt natürlich im Selbstverständnis und auch real eigene Voraussetzungen, was Stärken, Schwächen und Stakeholder betrifft, weshalb die Ausgestaltung der konkreten Lösungen und Anwendungen individuell erfolgen muss. Individuelle Strategien und Lösungen zu entwickeln und umzusetzen, heißt aber, das Wissen, das Wollen und die Tatkraft vieler Menschen und Organisationen zusammenzuführen.

Basis: Gebündeltes Wissen, Wollen und Tatkraft vieler Menschen

Wir müssen aber auch den Beweis antreten, dass gerade im ländlichen Raum der Mensch sich als selbstbewusstes und handelndes Subjekt in einem funktionierenden Gemeinwesen begreift und sich nicht als datengenerierendes Objekt einer großangelegten Optimierungs-Strategie fühlt. Das Stichwort Open Government umfasst viele Bereiche, wo durch die Digitalisierung gerade die Zivilgesellschaft gestärkt werden kann. Dann wird der Raum außerhalb der Großstädte eine echte Alternative.


Foto / Fotocredit: Gerald Swarat.

Weitere Impressionen unserer Informationskampagne finden Sie in unserer Mediathek.

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