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Dr. Helmut Gold (Museum für Kommunikation Frankfurt): „Das Ausmaß der digitalen Transformation ist noch nicht richtig verstanden worden“

Das Museum für Kommunikation Frankfurt hat seine Wurzeln als Bundespostmuseum, das 1958 eröffnet wurde.
In den 1990er Jahren begann mit der Einweihung des Neubaus die inhaltliche Neuausrichtung und Modernisierung des Museums, die schließlich in der Umbenennung zum Museum für Kommunikation mündete. Seit 1995 gehört das Museum neben den Schwestermuseen in Berlin und Nürnberg zur Museumsstiftung Post und Telekommunikation. Diese öffentlich-rechtliche Stiftung wird in einem Public Private Partnership-Engagement von den beiden Aktiengesellschaften Deutsche Post und Deutsche Telekom getragen.
Zur Dauerausstellung im Frankfurter Museum gehören unter anderem Nachrichten- und Fernsehtechnik sowie eine Galerie mit Kunstwerken.

Dr. Helmut Gold, Direktor des Museums für Kommunikation Frankfurt und Kurator der Museumsstiftung Post und Telekommunikation, erläuterte dem Breitbandbüro des Bundes seine Sicht auf die Digitalisierung.

Breitbandbüro des Bundes: Was verstehen Sie unter „Digitalisierung“?
Dr. Helmut Gold: In einem engeren Sinn bezeichnet man damit die Repräsentation analoger Informationen in digitale Formate, etwa wenn aus Karteikarten Dateien und Daten(banken) werden. Das gibt es schon seit vielen Jahren in verschiedenen Bereichen, gerade tritt die Digitalisierung aber in eine neue Dimension ein. Sprache, Schrift, Bilder und Töne lassen sich in jeder Hinsicht miteinander verbinden, weil sie alle in einem Format, eben digital, vorliegen. Big Data, Arbeit 4.0, Internet of Things sind die Stichworte der Zukunft, die längst begonnen hat: Wir sprechen daher besser über digitale Transformation oder sogar Revolution und meinen damit einen sehr grundlegenden Wandel, der alle Bereiche unseres Lebens umfasst.

Breitbandbüro des Bundes: Welche Chancen und Risiken birgt der Digitalisierungsprozess?
Dr. Gold: Daten sind der wichtigste Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Die Chancen liegen in den Möglichkeiten, die deren Verknüpfung bietet. Damit wird in vielen Bereichen ein sehr viel individuellerer passgenauer „Zuschnitt“ möglich. Ein Beispiel ist die Werbung im Internet, wo dies schon geschieht: Suchanfragen, frühere Käufe, eventuell Standortdaten werden berücksichtigt, um konkrete Vorschläge und Werbeanzeigen zu generieren. Das Beispiel zeigt zugleich die Risiken: Was geschieht mit meinen Daten? Habe ich noch Kontrolle darüber, was ich preisgebe? Datenschutz und Transparenz sind wichtige Themen, denn sie entscheiden auch über die Akzeptanz.

Breitbandbüro des Bundes: Was sind für Sie die derzeit spannendsten Entwicklungen im Bereich Digitalisierung?
Dr. Gold: Das sind für mich neue Modelle der Wertschöpfung. Wir haben z. B. schon jetzt einen Mobilitätsanbieter (Uber), dessen Wert auf fast 70 Milliarden geschätzt wird, der aber kein einziges Fahrzeug besitzt, wir haben z. B. einen Wohnungsanbieter (Airbnb), der zwei Millionen Angebote in 190 Ländern hat, aber keine einzige eigene Wohnung besitzt – diese Geschäftsmodelle beruhen einzig auf der digitalen Vernetzung und Vermittlung. Darin wird viel investiert und es wird noch mehr solcher Geschäftsmodelle geben. Spannend wird sein, welche sich am Ende wirklich durchsetzen und Erfolg haben werden und wo sich die Erwartungen nicht erfüllen.

Breitbandbüro des Bundes: Aus welchem Grund ist aus Ihrer Sicht eine Sensibilisierung aller Bürger aller Altersgruppen und Akteure (Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft) dafür so wichtig?
Dr. Gold: Wie ich eingangs schon sagte, betrifft die digitale Transformation alle Lebensbereiche und ich glaube, das Ausmaß ist noch nicht richtig verstanden worden. Man muss den gegenwärtigen Wandel wirklich mit Umbrüchen wie z. B. der Industriellen Revolution vergleichen, als sich Arbeit, Wohnen, Kommunikation, Mobilität, Wertschöpfung und das Zusammenleben – kurzum beinahe alles – grundlegend verändert hat. Deshalb sollten möglichst alle sensibilisiert sein, um aktiv mit den Chancen und Risiken umzugehen. Es gilt die digitale Transformation zu gestalten.

Breitbandbüro des Bundes: Welchen Beitrag leistet hier konkret Ihr Projekt?
Dr. Gold: Als Museum für Kommunikation sehe ich eine dreifache Aufgabe:
1) Wir sehen uns als Anker der Selbstvergewisserung. Wer die Zukunft gestalten will, muss die Gegenwart verstehen und deren Entwicklung aus der Vergangenheit.
2) Wir sind ein Ort der außerschulischen Bildung. Wir haben jährlich rund 2.000 Schulklassen und Gruppen hier in Frankfurt, die Workshops oder konkrete Programme buchen. Die Vermittlung von Medienkompetenz ist gerade in Zeiten des Umbruchs eine entscheidende Aufgabe.
3) Wir begreifen uns als Forum der Diskussion. Wir sind weder die Hannover-Messe noch Zukunftsforscher . Wir sind keine Zukunftsforscher. Wir zeigen nicht die neueste Technik, wir wissen nicht, was die Zukunft im Einzelnen bringen wird, aber wir sind ein Forum, in dem wir über die Auswirkungen und Gestaltungsmöglichkeiten der Digitalisierung diskutieren.

Breitbandbüro des Bundes: Für welche Bereiche ist Digitalisierung von besonderem Interesse?
Dr. Gold: Direkt oder indirekt wird es alle Lebensbereiche betreffen.

Breitbandbüro des Bundes: Worin sehen Sie die größten gesellschaftspolitischen Herausforderungen, die durch die Digitalisierung hervorgerufen werden?
Dr. Gold: Mit der Veränderung der Arbeitswelt stellt sich die soziale Frage erneut mit besonderer Brisanz, die schon durch die Globalisierung und Bankenkrise in den Fokus gerückt ist. Es ist kein Zufall, dass viele in Silicon Valley, aber auch Chefs bedeutender deutscher Unternehmen – Herr Höttges von der Deutschen Telekom etwa oder auch Herr Kaeser von Siemens – sich für das bedingungslose Grundeinkommen einsetzen. Man mag darüber streiten, ob das der geeignete Weg ist und ob die Prognose von Herrn Kaeser, wonach von 10 Personen in der Mittelschicht 9 absteigen werden, richtig ist. Aber dass die Forderung von CEOs erhoben wird, die an der Spitze neuester Entwicklungen stehen, zeigt, welche Brisanz sie hier sozial sehen und weshalb sie gegensteuern möchten. Es wird entscheidend sein, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft gewahrt bleibt, denn der ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Transformation. Es gilt, die Sorgen und Ängste in der Bevölkerung ernst zu nehmen, soziale Verwerfungen zu vermeiden, damit nicht Teile der Bevölkerung abgehängt werden oder sich abgehängt fühlen.

Breitbandbüro des Bundes: „Wenn Sie an die Zukunft denken, dann…“
Dr. Gold: … sehe ich große Herausforderungen. Wir haben für unsere neue Dauerausstellung 21 Köpfe – Verantwortliche aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft“ – für das 21. Jahrhundert gefragt, u. a. was ein Kind, das in 30 Jahren geboren wird, erleben wird. Aus den Antworten kann ich als Fazit sagen: Vielleicht hat das Kind dann einen Chip implantiert, kennt kein Smartphone mehr und wird in selbstfahrenden Autos zur Schule gefahren, aber Liebe, Freundschaft und Geborgenheit werden ihm sicher auch in Zukunft so wichtig sein wie uns heute.


Foto: Dr. Helmut Gold, Direktor des Museums für Kommunikation Frankfurt und Kurator der Museumsstiftung Post und Telekommunikation.
Fotocredit: Museum für Kommunikation Frankfurt.

Weitere Impressionen unserer Informationskampagne finden Sie in unserer Mediathek.

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